Von Thilo Resenhoeft
Im Studentenwohnheim am Sielkamp in Braunschweig reißt die Verbindung zur Außenwelt nie ab. Es sei denn, ein Kaninchen schlägt seine scharfen Zähne in die Kabel. Studenten der Technischen Universität haben ihr Zuhause mit viel Eigeninitiative ans Internet angeschlossen. "Zuerst haben wir aus Spaß einzelne Zimmer verbunden. Dann kamen die Etagen untereinander und schließlich alle Häuser des Wohnheimes dran", erinnert sich der 27jährige künftige Elektrotechniker Jens Brandenburg. Das alles begann vor dreieinhalb Jahren.
Mittlerweile liegen anderthalb Kilometer Kupfer in und unter den vier Häusern, winden sich durch Flure, wurden durch Betondecken gebohrt und in einem selbstgeschaufelten Graben verlegt. Dort überdauern die Kabel selbst harte Winter. Das Netzwerk brach erst zusammen, als das Nagetier einer Kommilitonin die Leitung kappte. Die Verbindung zur Außenwelt besorgt eine von der Telekom für 115 Mark im Monat gemietete Standleitung. Sie wird aus der Netzwerkkasse finanziert, in die jeder Teilnehmer monatlich zehn Mark einzahlt", berichtet Florian Brahmst. Bei 60 verkabelten Studierenden kommen monatlich also 600 Mark im Bonbonglas auf dem Regal des 28jährigen Maschinenbauers zusammen. Das läßt keine allzugroßen Sprünge zu.
Komponenten vom Recyclinghof
Etliche Teile des Netzwerkes, darunter ein sonst unbezahlbarer Verstärker und einige Verbindungsdosen, stammen daher vom Recyclinghof. "Der ist für manche Bauteile eine wirklich ausgezeichnete Quelle", bemerkt der angehende Wirtschaftsinformatiker Volker Harms. Er ist mit 24 Jahren der jüngste im Team. Auch die beiden Netzwerk-Computer in der mit allerlei Gerümpel vollgestellten Besenkammer sind preiswerte Unikate, die in nächtlicher Arbeit aus zahlreichen Einzelteilen zusammengeschraubt wurden. "Wir mußten zwar viel über Netzwerktechnik und das Betriebssystem Unix lesen, aber jetzt arbeiten die Rechner fehlerfrei", erinnern sich die drei Sysops, wie die Systemoperatoren" im Jargon genannt werden. "Ein normaler Windows-Computer hätte keine zwei Tage durchgehalten," sind sie sich einig. Wenn die Zeit gekommen ist, werden sie ihre Kenntnisse um Transportprotokolle, Hardwarekonflikte und Funkmodems übrigens in ihren Bewerbungen vermerken.
Zuweilen eine Geduldsprobe
Auf der anderen Seite der Telefonleitung meldet sich Tag und Nacht das Rechenzentrum der Universität. Dort fanden die Studenten in Helmut Woehlbier, der für die Anbindung der Uni an die Außenwelt zuständig ist, einen wohlwollenden Förderer ("Der freut sich immer, wenn sein Netz größer wird und jemand Interesse zeigt.") Doch während die internen Verbindungen rasend schnell sind - der Inhalt einer Diskette flutscht in drei Sekunden von Zimmer zu Zimmer - gerät der Kontakt zur Außenwelt zuweilen zur Geduldsprobe. Denn hier werkelt nur ein handelsübliches Modem, "was uns für die elektronische Post und Recherchen im weltumspannenden Internet aber ausreicht." Unter der Internet-Adresse http://www.sielkamp.etc.tu-bs.de findet sich die Homepage von Harms und Konsorten. Wenn die Seiten mal etwas langsam auf dem Monitor auftauchen, liegt das am langsamen Modem. Um Anhilfe zu schaffen, wurde inzwischen Kontakt zu den Stadtwerken Braunschweig aufgenommen, die eigene Leitungen im Untergrund besitzen und eine schnellere Verbindung womöglich billiger als die Telekom anbieten können. Denn die Arbeitsmaxime High-Tech zum Low-Cost-Preis" verträgt sich nicht mit den von der Telekom geforderten 8000 Mark* Anschlußkosten für eine ISDN-Standleitung. Darüber hinaus fehlen im Sielkamp noch diverse Kleinteile und ein Ding, das sich "Repeater" nennt. Auf die Idee, nach Sponsoren zu suchen, sind die Netzwerkexperten noch gar nicht gekommen. Dazu ließ ihnen der Umgang mit Lötkolben, Installationsdisketten und Strommeßgeräten einfach keine Zeit.
Aber eines ist sicher: "Wir würden ihn auf unseren Seiten ganz sicher lobend erwähnen."
* Anmerkung: Es sind doch "nur" 4000 DM.

Ziehen an einem Strang: Volker Harms, Jans Brandenburg und Florian Brahmst (von links) haben ihr Wohnheim verkabelt. Einen Teil der Kupferleitungen mußten sie unter dem Rasen verlegen: Das ging nur, weil der Hausmeister ein Auge zugedrückt hat." Foto: Resenhoeft
sielnet"at"sielnet.de
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Diese Seite wurde zuletzt am 08.10.2007 geändert! |